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„Der Wunsch der Eltern bzw. Großfamilie raubt den jungen Menschen das eigentliche Glück in deren Leben“

Interview mit der Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin Rukiye Cankiran

Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin Rukiye Cankiran

ALMANYALILAR – Zwangsverheiratung und Ehrenmorde sind offene Wunden unserer Gesellschaft. Was genau sind diese, wie kann man damit umgehen und wer kann dagegen was unternehmen? Solche Fragen und Antworten behandelt die Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin Rukiye Cankiran in ihrem Werk „Das geraubte Glück“. Schweigen heißt akzeptieren. Reden, debattieren, zur Sprache bringen heißen in diesem Sinne dennoch Widerspruch einzulegen, nicht damit einverstanden zu sein. Ein Buch über dieses heikle Thema zu veröffentlichen, bedeutet eine große Abrechnung. Wir wollten von der Autorin Rukiye Cankiran wissen, was sie mit ihrem Buch vorhatte.

ALMANYALILAR – Was wollten Sie mit Ihrem Buch “Das geraubte Glück” erreichen? Also warum haben sie gerade dieses Thema ausgesucht und nicht etwas anderes? Haben Sie die Ziele erreicht, die Sie vorhatten?

Rukiye Cankiran: Ich arbeite seit 1995 in Integrationsprojekten, habe als (Vertrauens-) Dolmetscherin, Journalistin und Beraterin viele verschiedene Familien kennengelernt. Mir ist bei diesen Tätigkeiten aufgefallen, dass für viele junge Frauen und Mädchen das wichtigste Ziel im Leben Heirat und Familiengründung war, gefühlt kam gleich mit oder nach der Pubertät das Thema Ehe. Das hat mich stutzig gemacht. Zumal auch für viele junge Männer Familie die oberste Priorität hatte, selbst wenn sie gar keine Familie gründen wollten. Ich habe angefangen diese Geschichten anonym zu dokumentieren, um zu erkennen, ob ein System oder andere Zwänge dahinter stecken.

Später habe ich zum Thema Gewalt im Namen der Ehre Vorträge gehalten und Diskussionen geleitet. Mir ist aufgefallen, dass bei allen Familien bestimmte Merkmale sich wiederholen und ein spezifisches Mindset ausgeprägt ist. Genau diese Hintergründe erkläre ich in den einzelnen Kapiteln meines Buches. In einem Satz könnte man sagen, dass für alle Eltern der größte Wunsch für den Nachwuchs folgendes war: Heiraten, Kinder bekommen und einen Platz mit bestimmten Rollen, Aufgaben, Pflichten und Rechten in der Community einnehmen. Ich möchte auf diese Themen hinweisen, aufklären und informieren und natürlich Betroffene stärken.

Sind Ehrenmorde und Zwangsverheiratung ein türkisches bzw. muslimisches Phänomen oder eher ein weltweites Problem, welches man öfter übersieht oder worüber geschwiegen wird? Was können Sie uns darüber erzählen?

Ehrenmorde und Zwangsverheiratung sind weltweite Phänomene, die unterschiedliche Ausprägungen haben und sich in verschiedenen Kulturen auf unterschiedliche Weise zeigen. Im Grunde sind dies Formen der Gewalt gegen Frauen. Weltweit sind derzeit mehr als 650 Millionen Mädchen in einer Ehe, die geschlossen wurde, als die Mädchen noch keine 18 Jahre alt waren, viele davon zur Eheschließung sogar unter 15 Jahren. Es steckt eine Denkstruktur hinter dieser Denkweise: Die jungen Frauen sollen sich der traditionellen, patriarchal strukturierten und konservativen Familie anpassen und innerhalb der Community heiraten und genau die erlernte Lebensweise an die Kinder weitergeben. So wird das System Familie erhalten Häufig aus Gründen der Armut, Perspektivlosigkeit oder aber aus Unwissenheit, da jegliches anderes Lebensmodell verpönt ist. In Lateinamerika werden verheiratete Frauen ernster genommen als unverheiratete, in vielen Dörfern Afghanistans gibt es keine andere Perspektive für Frauen außer die Ehe, während des Krieges in Syrien wurden Mädchen verheiratet, weil die Eltern sich davon versprachen, dass diese in einer Ehe sicherer flüchten können, in vielen Dörfern Anatoliens gilt die Ehre einer Familie als beschmutzt, wenn die Tochter Kontakt zu Männern hat (auch wenn das nur die zufällige Begegnung am Dorfbrunnen ist)…

Das Mindset, das hinter diesen Strukturen steckt, wird von vielen Migranten im Koffer mitgenommen, egal wohin sie auswandern oder wo sie leben. Es dauert Generationen bis solche Traditionen überwunden werden.

Dass Gewalt gegen Frauen auch hierzulande alltäglich ist, zeigt die Tatsache, dass jeden Tag ein Mann versucht seine (Ex-)Partnerin zu töten, jeden dritten Tag gelingt dies. Auch hier steckt eine Denkweise, die Frauen als Besitz des Mannes sieht, die von Frauen eine bestimmte Lebensweise verlangt und diese bestraft, wenn die Frau nicht gehorsam ist.

Es geht um den Titel. Was wird gerade geraubt und von was für einem Glück reden wir hier? Wie sind Sie zu diesem Titel gekommen?

Der Arbeitstitel meines Manuskriptes war „Zwang zum Glück“, der Verlag hat aus diesem Titel „Das geraubte Glück“ gemacht. Dieser Titel gefällt mir inzwischen tatsächlich sogar besser.

Ich zeige in meinem Buch das Glücksverständnis der Eltern für ihren Nachwuchs. Dieses Glück wird über Heirat, Kinderreichtum und einem traditionellen Familienleben mit klassischer Rollenverteilung definiert. Der Wunsch der Eltern bzw. Großfamilie raubt den jungen Menschen das eigentliche Glück in deren Leben. Die jungen Frauen und Männer haben in diesen Strukturen wenig Chancen, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen und ihr Glück zu finden. Insbesondere für junge Frauen bedeutet eine Ehe häufig das Ende bzw. eine große Einschränkung des Bildungs- und Berufsweges.

Die Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin Rukiye Cankiran erzählt warum sie dieses Buch geschrieben hat, warum Jugendliche sich dagegen nicht so leicht wehren können und wie sie dazu kam das Ganze als Buch zu veröffentlichen.

Das Buch „Das geraubte Glück“ ist seit zwei Jahren auf dem Markt. Wie kam es an, wie wurde es von Lesern angenommen oder verstanden? Wie hat die türkische Community reagiert, was haben Deutschleser dazu gesagt? Natürlich unter Berücksichtigung der Coronazeit.

Ich habe quer durch dir Republik von Stralsund bis München, von Köln bis Leipzig Lesungen mit Diskussionen und Vorträgen gehalten. Insgesamt habe ich von den unterschiedlichsten Altersgruppen und Communities sehr positives Feedback bekommen. Ich gebe in meinem Buch viele Beispiele aus der türkischen und kurdischen Community, da ich hier die meisten Erfahrungen und Hintergrundinformationen vis-a-vis bekommen habe. Allerdings mache ich sehr deutlich, dass alle beschriebenen Phänomene keine spezifisch türkischen oder kurdischen Probleme sind, sondern sich in verschiedensten Kulturen mit unterschiedlicher Ausprägung wiederfinden.

Ich hatte viele berührende Gespräche mit betroffenen Frauen, die mir die Rückmeldung gaben, dass ich ihre Situation und die Haltung der Familien gut beschrieben hätte, ohne belehrend zu sein. Dadurch finden sie ihr Leben trotz der Zwänge wertgeschätzt und haben große Motivation, ihren Kindern eine andere Zukunft zu ermöglichen.

Viele der deutschen Leser:innen bzw. Besucher:innen waren erstaunt darüber, wie einseitig in den Medien berichtet wird. 2019 hatte ich fast wöchentlich Anfragen von Medien, die Journalisten wollten von mir nur Kontakte zu Betroffenen haben, als Expertin wurde ich ignoriert.

Von einigen migrantischen Vereinen bekam ich die Rückmeldung, dass diese Themen in ihren Kreisen nicht relevant seien. Solche Kommentare und Meinungen akzeptiere ich und versuche trotzdem im Dialog zu bleiben.

Am meisten freue ich mich, dass ich seit Februar 2019 in über einhundert Veranstaltungen -sowohl live als auch online- hunderte von Frauen und Männern, Multiplikator:innen und unterschiedlichste Einrichtungen erreicht habe und auf viele Hilfseinrichtungen aufmerksam machen konnte. Als Kulturwissenschaftlerin und Autorin sehe ich meine Aufgabe darin, mit meinen Möglichkeiten im kleinen Rahmen dazu beizutragen, dass unser gesellschaftliches Bewusstsein und die Wahrnehmung von Gewalt gegen Frauen sich langfristig ändert.

Danke sehr.

03.06.2021

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